Beginnjahr 2018 Abschlussjahr 2021

Institutionen

durchführende Institutionen übergeordnete/aktuelle Institutionen

Personen

ProjektleiterInnen MitarbeiterInnen
Ländercode Österreich Sprachcode Deutsch
Schlagwörter DeutschSchulkultur, Merkmale, Übergänge von Schulstufen
Schlagwörter Englischtransitions, school culture, distincitve features
Abstrakt

Übergänge von der Primar- in die Sekundarstufe stehen seit mehrere Jahrzehnen im Blickfeld der Forschung (zusammenfassend Koch, 2004, S.577ff.), wobei diese aus Schülerperspektive oftmals mit Ängsten verbunden sind und als biografische Brüche (vgl. beispielsweise Hacker, 1988) interpretiert werden können. Aus der Übergangsforschung ist ebenfalls bekannt, dass es an den unterschiedlichen Schulformen unterschiedliche Perspektiven gibt, wobei die Grundschulen stärker an kindlichen Interessen und Problemen orientiert sind, während die weiterführenden Schulen eher einheitliche Leistungsstandards im Blickfeld haben (vgl. Mitzlaff/Wiederhold 1989).
Ausgangspunkt für das beantragte Forschungsprojekt war die Anfrage zweier Volksschulen, die in der Initiative „Schule im Aufbruch“ verankert sind, an das Institut für Educational Governance und Qualitätsentwicklung um eine externe wissenschaftlich begleitete Evaluierung. Beide Schulen verfolgen innovative Konzepte und wollten der Frage nachgehen, wie diese Maßnahmen greifen, mit besonderem Fokus auf das Gelingen der Transition von der Volksschule in die weiterführenden Schulen. In der Evaluationsstudie wurden sowohl Schüler*innen der vierten Klasse Volksschule als auch ehemalige Schüler*innen und deren Eltern schriftlich befragt. Ergänzend dazu wurden Gruppendiskussionen mit Lehrer*innen der Abnehmerschulen geführt. In der inhaltsanalytischen Analyse (vgl. Kuckartz 2012) der Daten zeigte sich, dass die Perspektiven der Abnehmerschulen sehr divers sind. So gibt es Schulen, die sich in ihrem Schülerbild und den Ansprüchen, die sie an Schüler*innen stellen, eine ähnliche Perspektive wie die Volksschulen einnehmen, wohingegen andere ein eklatant unterschiedliches Schülerbild haben.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen soll mittels eines komplexen Mixed-Methods Designs die Identitätsentwicklung der Schüler*innen beim Wechsel zwischen unterschiedlichen Schulkulturen in den Blick genommen werden. Dazu sollen an vier Volksschulen und an vier Abnehmerschulen der Sekun-darstufe I (je zwei Gymnasien und Neue Mittelschulen) Schulkulturerhebungen (mit besonderem Blick auf Dimensionen, die das Erleben der Schüler*innen beeinflussen) durchgeführt werden. Um zu erfassen, welche Diskurse Aufnahme in die geteilten Orientierungen der Schüler*innen finden, werden Gruppendiskussionen mit Schüler*innen an allen Schulen durchgeführt. In einem zweiten Arbeitsschritt soll der Zusammenhang zwischen dem Übergang aus einer in eine andere Schulkultur und der Identitätsentwicklung der Schüler*innen erfasst werden. Dazu soll ein Mixed-Methods-Längsschnitt durchgeführt werden, in welchem die Kinder zu je zwei Zeitpunkten in der Volksschule und nach dem Übergang in der Sekundarstufe I befragt werden. Vor und nach dem Wechsel werden auch die Eltern interviewt. Dieser zweite Arbeitsschritt stellt ein eigenes Teilprojekt dar, für das momentan ein Projektantrag beim FWF eingereicht wird. Da beide Teilprojekte eng verzahnt sind, werden sie in der Projektbeschreibung gemeinsam dargestellt.

Erhebungstechniken und Auswahlverfahren

Die Arbeitsschritte des Projektes sind in zwei Arbeitspakete gegliedert. Da das Projekt zu umfassend ist, um es in dieser Form mit internen Mitteln durchzuführen, werden auch externe Projektgelder beantragt. Die Projektphase zwei wird erst begonnen, wenn externe Ressourcen zur Verfügung ste-hen. Können keine externen Gelder lukriert werden, wird das Design der Arbeitsphase 2 an die internen Möglichkeiten angepasst (weniger Fälle) und ein weiterer Forschungsantrag beim PHSt-Fond eingereicht.
Um einerseits die unterschiedlichen Schulkulturen erheben zu können und andererseits die Wechselwirkungen zu den geteilten Schülerorientierungen sowie der Identitätsentwicklung der einzelnen Schüler*innen erheben zu können, wird ein komplexes Triangulationsdesign (vgl. Flick, 2011) angewandt. Es werden vier Volksschulen ausgewählt, die alle im Bezirk Graz Umgebung liegen. Zwei der Volksschulen wurden bereits in der Vorstudie untersucht. Diese beiden Schulen haben besonders innovative Konzepte des offenen Lernens in ihren Lehrplänen implementiert. In der Vorstudie zeigte sich, dass die Kompetenzen und das Verhalten der Schüler*innen in den Aufnahmeschulen der Sekundarstufe I kontrovers eingestuft wurden, was auch auf die innovativen Lernkonzepte zurückgeführt wurde. Als Vergleichshorizont werden daher zwei weitere Volksschulen in das Sample aufgenommen, die in derselben Region liegen, aber keine speziellen Lernkonzepte verfolgen. Im Bereich der Sekundarstufe I werden vier Schulen in das Sample aufgenommen. Es sind dies alles Schulen, die im Einzugsgebiet der vier Volksschulen liegen. Alle Kinder könnten prinzipiell auf eine dieser Schulen wechseln. Um hier maximale Kontraste generieren, werden zwei Neue Mittelschulen in das Sample aufgenommen, von denen eine reformpädagogisch orientiert ist und einen bruchlosen Übergang hin zur Matura bietet, während die andere eher herkömmliche pädagogische Konzepte vertritt. Bei den Gymnasien wird ein traditionsreiches Gymnasium in die Stichprobe miteinbezogen, das für seinen hohen Leistungsanspruch bekannt ist und ein im gleichen Raum angesiedeltes Gymnasium, mit einer schwächeren Leistungsorientierung.

Arbeitspaket 1: Um schulkulturelle Aspekte erfassen zu können, ist an jeder Schule ein ethnographischer Feldaufenthalt von ein bis zwei Wochen geplant. In dieser Zeit sollen durch teilnehmende Beobachtungen, ethnographische Gespräche und einer visuellen Erfassung der Lernräume die Spezifika der Schule erfasst werden. Im Rahmen dieser Phase sollen auch Interviews mit den Schulleiter*innen sowie Gruppendiskussionen mit den Lehrkräften (angelehnt an das Instrument Q-KULT siehe Kurz, Ittner & Landwehr, 2017) durchgeführt werden. Um die geteilten Orientierungen der Schüler*innen zu erfassen, werden im Zuge der ethnografischen Studienphase mit Schüler*innen der dritten Klasse der Volksschulen und der zweiten Klasse der Schulen der Sekundarstufe I Gruppendiskussionen durchgeführt. Mittels Rekonstruktion der Diskussionen der Schüler*innen zu einem Zeitpunkt, an dem sie gut in der Schule verankert sind und noch keine wichtigen Entscheidungen, die Schullaufbahn betreffend unmittelbar bevorstehen, sollte es möglich sein, erfassen zu können, welche schulkulturellen Elemente von den Schüler*innen aufgegriffen werden und in welcher Weise sie bearbeitet werden. Im Gegensatz zu den Einzelinterviews ist es anhand der Rekonstruktion der Diskussionen stärker möglich, auf die geteilten Erfahrungen und Sinnhorizonte zuzugreifen. Gerade Erfahrungen, die das alltägliche Erleben im Klassenzimmer betreffen, scheinen so, da sie ein gemeinschaftlich hergestellter Prozess sind, besser rekonstruierbar.
Arbeitspaket 2: Um auch den Individuationsprozess der Schüler*innen im Kontext des Schulformenwechsels zu erfassen, werden zunächst mit allen Schüler*innen je einer Klasse der vier Volksschulen Einzelinterviews durchgeführt. Die Interviews sollen in der dritten Klasse geführt werden. Zu diesem Zeitpunkt sind die Schüler*innen fest an der Schule verankert, der Übergang in die nächste Schule steht aber noch nicht unmittelbar bevor, weshalb, so lässt sich zumindest vermuten, auf den Wechsel bezogene Ängste oder Veränderungen im Selbstkonzept noch nicht stark ausgeprägt sind. Dieselben Schüler*innen werden auch am Ende der vierten Klasse nochmals interviewt, wobei vor allem auf die Entscheidung für die weiterführende Schule reflektiert werden soll. Anhand dieser Interviews werden besonders interessierende Fälle ausgewählt. Vor allem Kinder, die in jene weiterführenden Schulen wechseln, die sich auch im Sample befinden, sind von besonderem Interesse. Diese Kinder werden auch nach ihrem Schulwechsel im Sinne einer qualitativen Panelstudie weiter begleitet. Dazu werden sie nach ihrem Übertritt in die Sekundarstufe 1 nach Ablauf des ersten Semesters und nochmals am Ende der zweiten Klasse interviewt. Bei diesem letzten Interviewtermin werden mit den Schüler*innen biographisch-narrative Interviews durchgeführt, um die Gesamtformung ihrer Biographie (vgl. Schütze, 1983) nachvollziehen zu können. Flankierend zu den qualitativen Interviews sollen mittels quantitativer Erhebungen das schulische Selbstkonzept sowie Indikatoren zu Gesundheit, Stresserleben und Wohlbefinden erfasst werden. Hier sollen neben den qualitativen Rekonstruktionen der Veränderungen im Habitus der Kinder auch Selbstkonzeptveränderungen sowie etwaige Auswirkungen auf psychische und physische Gesundheit und das Wohlbefinden nachgezeichnet werden.
Von jenen Kindern, die in den Längsschnitt aufgenommen werden, sollen auch die Eltern zu zwei Zeitpunkten, nämlich am Ende der Grundschulzeit und am Anfang der Sekundarstufe I interviewt werden. Da gerade diese Schulwahlentscheidung vor allem von den Eltern getroffen wird und das Erleben der Kinder in diesem Alter noch stark auf die Eltern bezogen ist, scheint eine vollständige Analyse nur möglich, wenn auch die Perspektiven der Eltern miteinbezogen werden.
Das Auswertungsdesign der erhobenen Daten besteht aus einer Verschränkung verschiedener qualitativer Auswertungsmethoden. Die Gruppendiskussionen sowohl mit den Lehrkräften als auch mit den Schüler*innen werden mittels der dokumentarischen Methode (vgl. Bohnsack 2001) analysiert, die als interpretatives Verfahren zur Rekonstruktion kollektiver, milieuspezifischer Orientierungen entwickelt wurde. Die dokumentarische Methode nimmt nicht nur in den Blick, was in Gesprächen gesagt wird, sondern vor allem wie etwas gesagt wird und offeriert damit die Möglichkeit, auch implizite Orientierungen herauszuarbeiten. Dies ist insbesondere wichtig, weil beispielsweise schulkulturelle Aspekte meist nicht explizit sind, sondern als implizite Normen und Orientierungen vorliegen. Die narrativen Interviews mit den Schüler*innen am Ende der zweiten Klasse der Sekundarstufe I sollen biografisch-narrationsanalytisch (vgl. Schütze, 1983) untersucht werden, wodurch biografische Verläufe im Kontext der unterschiedlichen Schulkulturen in den Blick genommen werden können. Um die Ergebnisse sowohl der Auswertung der Interviews und der Gruppendiskussionen als auch der ethnographischen Beobachtungen und Gespräche verbinden zu können, wird die Grounded Theory (vgl. Strauss & Corbin, 2010) als Brückenverfahren eingesetzt. Mittels der Analyseverfahren der Grounded Theory können mit dem Ziel der Entwicklung eines gegenstandsbezogenen Modelles unterschiedliche Datenarten aufeinander bezogen werden. Gemäß dem „All is Data“ Prinzip der Grounded Theory wird es auch möglich, die Ergebnisse der quantitativen Erhebungen als ergänzendes oder kontrastierendes Element einzubetten. Da sowohl die Narrationsanalyse als auch die dokumentarische Methode mit Fallvergleichen und Kontrastierungen arbeiten, was ein wesentliches Element der Grounded Theory darstellt, erscheint eine Verbindung dieser drei Methoden für die hier beantragte Studie forschungspraktisch durchführbar und fruchtvoll. Es wird so möglich, am Ende dieser Studie ein Modell der Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Aspekten von Schulkulturen und der Identitätsentwicklung von Schüler*innen beim Übergang von Volksschule in die Sekundarstufe I zu etablieren.

Zeitplan

Der Zeitplan wird an dieser Stelle lediglich für das Arbeitspacket 1 genau angegeben.

Arbeitspacket 1
Oktober/November 2018        Abklärung der Rahmenbedingungen mit den Schulen
Oktober bis Dezember 2018   Aufarbeitung der Literatur und Entwicklung der Erhebungsin-strumente
Dezember 2018/Jänner 2019  Pretest der Erhebungsinstrumente insbesondere des Instru-ments zur Erfassung der Schulkultur
Jänner 2019 bis Jänner 2020   Durchführung der Erhebungen, Transkription der Daten
Jänner 2020 bis Juli 2020        Interpretation der Daten
Juli 2020 bis Oktober 2020      Verschriftlichung der Ergebnisse
Februar 2020 bis Jänner 2021  Präsentation der (ersten) Ergebnisse auf Konferenzen und Erstellung von Publikationen

Das Arbeitspacket 2 sollte spätestens im Jahr 2020 starten, die Laufzeit beträgt vier Jahre. Da ein Mixed-Methods-Panel (Schwerpunkt liegt auf dem qualitativen Anteil) mit vier Messzeitpunkten verfolgt wird, ist die Datenerhebung erst im dritten Jahr abgeschlossen. Für die endgültige Auswer-tung und Verschriftlichung wird ein weiteres Jahr veranschlagt.

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